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E. L. James: Shades of Grey – Geheimes Verlangen

Hype um BDSM und Spanking: der Bestseller und die Aura der Dunkelheit.

✦✦✧✧✧ Heute ist er also gekommen, der Tag, an dem ich meine Gedanken zum ersten »Shades of Grey«-Band sortiere und zu Papier bringe.

Als ich vorhin beim Durchblättern das eine oder andere sprachliche Déjà-vu hatte, wurde ich neugierig, den gesamten Text einfach mal nach der Silbe »füll« zu durchsuchen. Wow:

  • »Ich fühle mich vollständig ausgefüllt […].« (8. Kapitel)
  • »Er füllt mich vollkommen, erbarmungslos aus.« (8. Kapitel)
  • »Ich stöhne, als er mich auszufüllen beginnt […].« (15. Kapitel)
  • »Sekunden später ist er in mir, füllt mich bis zum letzten Millimeter aus.« (16. Kapitel)
  • »[O]h, [sein Penis] ist so groß, dass er mich vollständig auszufüllen scheint.« (18. Kapitel)
  • »Mir entschlüpft ein lautes, gutturales Stöhnen, da er mich vollständig auszufüllen scheint.« (20. Kapitel)
  • »die Kugeln, die mich vollständig auszufüllen scheinen« (20. Kapitel)
  • »Er […] lässt sich in mich gleiten [und] erfüllt mich voll und ganz […].« (20. Kapitel)
  • »Sekunden später ist er in mir, füllt mich vollständig aus und stößt zu […].« (21. Kapitel)
  • »[I]ch […] heiße jeden seiner Stöße willkommen, der mich bis in mein Innerstes zu erfüllen scheint.« (21. Kapitel)
  • »[I]ch […] ergebe mich […] dem Gefühl, wie er jeden Millimeter von mir ausfüllt.« (23. Kapitel)

Zugegeben, ein plakativer Einstieg in diese Rezension; aber er bringt zwei Aspekte zum Ausdruck, die mich beim Lesen gelangweilt und gestört haben – einerseits die Tatsache, dass die Protagonisten ständig, wirklich ständig übereinander herfallen, und andererseits (nicht nur in diesem Zusammenhang) das häufige Fehlen einer abwechslungsreichen Sprache.

Zu oft etwa werden Dinge in der deutschen Übersetzung als »köstlich« (Drohung, Duft, Erinnerung, Essen, Folter, Gefühl, Geschmack, Klang, Knistern, Lippe, Minute, Orangensaft, Orgasmus, Rindfleisch, Salat, Schlag, Schmerz, Suppe, Vorfreude, Wein, Wundgefühl, …) oder »atemberaubend« (Arie, Aussehen, Aussicht, Blick, Gemälde, Klavierspiel, Lächeln, Mann, Profil, Schönheit, …) beschrieben, als dass diese Adjektive noch ihre Kraft entfalten könnten. Auch »Gott« wird als Floskel erstaunlich oft bemüht.

All diesen Nebel sprachlicher und inhaltlicher Oberflächlichkeit, möchte ich nun aber zusammen mit den irrelevanten Szenen und Dialogen des Texts beiseitelassen. Immerhin habe ich hier ein Buch in der Hand, das unter anderem Spanking beinhaltet – und mit dem dank des medialen Hypes unfassbar viele Menschen in Berührung gekommen sind.

Ist dieses Werk also ein Meilenstein auf dem Weg zur Enttabuisierung dieses Themas?

In jedem Fall hat der Roman für Gesprächsstoff gesorgt. Und psychologisch hat E. L. James ohne Zweifel eine interessante Konstellation geschaffen. Dabei übertreibt sie es zwar – wäre Ana ein bisschen weniger das unbedarfte Mädchen und Christian nur in Maßen der atemberaubende Tausendsassa, würde das Spannungsfeld keineswegs an Potenzial einbüßen, im Gegenteil. Doch auch wenn die Profile der Figuren reichlich dick aufgetragen werden, gibt es ein paar Perlen im Text.

So äußert sich Christian beispielsweise in einer seiner Mails an Ana mit einem klaren Statement zum Thema Unterwerfung:

»Ich glaube, dir ist noch nicht ganz klar, dass in einer Dom/Sub-Beziehung der Sub sagt, wo es langgeht. Du hast die Macht, über alles zu bestimmen, was zwischen uns passiert. […] Wenn du Nein sagst, darf ich dich nicht anrühren […].« »Wir müssen uns gegenseitig anleiten […].« (22. Kapitel)

Auch ein schöner Dialog über erotisches Spanking ist mir im Gedächtnis geblieben:

»›War es so schlimm, als ich dich das erste Mal übers Knie gelegt habe?‹ […]
›Eigentlich nicht‹ […]
›Es geht also mehr ums Prinzip?‹ […]
›Vermutlich. Darum, Lust zu empfinden, obwohl man es eigentlich nicht dürfte.‹« (23. Kapitel)

Abgesehen davon, dass ich persönlich die Idee, nach dem Spanking Schmerztabletten zu nehmen, sehr befremdlich finde, beschreibt auch die erste Spanking-Szene des Romans Anas widersprüchliche Gefühle ziemlich gut:

»Es ist entwürdigend, Angst einflößend und wahnsinnig erotisch zugleich.« »Die Kombination aus den harten, schmerzenden Schlägen und den behutsamen Liebkosungen betäubt meine Sinne.« (16. Kapitel)

Würden nun alle Leser des Romans diese Gedanken mitnehmen, hätte das Buch wohl bereits gesellschaftliche Aufklärungsarbeit hinsichtlich der Akzeptanz von Spanking geleistet.

Also alles gut?

Nein. Denn eine wesentliche Facette habe ich bislang verschwiegen: Zwischen den Zeilen der Charakterisierung von Mr. Grey liegt eine bittere Behauptung vergraben. Sie könnte lauten: BDSM und Liebe schließen einander aus. Oder um es mit Zitaten aus Anas Perspektive zu sagen:

»Was wir hier tun, hat nichts mit Liebe zu tun. Wir ficken – und ich liebe es. Es ist grob, brutal, voll ungenierter Lust und Geilheit.« (21. Kapitel)

Doch:

»[E]r ist verloren … irgendwo in der Dunkelheit, die in seinem Innersten herrscht.« »Er ist nicht normal.« »[Nach einem] Blick auf das Ausmaß seiner Verderbtheit […] weiß [ich], dass Liebe etwas Unmögliches für ihn ist – er kann sie weder geben, noch kann er sie annehmen.« (26. Kapitel)

BDSM, Spanking und alles, was damit zu tun hat, ist in den Köpfen vieler Menschen vermutlich mit Dunkelheit und Kälte verknüpft. Nun kommt da ein Mainstream-Roman, wird zum gehypten Bestseller und hätte die Chance, Licht in das Dunkel dieser Vorurteile zu bringen.

Und dann das: Der BDSM-affine Protagonist Mr. Grey ist psychisch stark angeschlagen und somit, um ihn selbst zu zitieren, »komplett abgefuckt« (16. Kapitel). Es mag Menschen geben, in deren Neigungen sich erschütternde Erlebnisse widerspiegeln; das möchte ich nicht verurteilen. Aber wenn ich mir einen Bestseller auf diesem Gebiet hätte wünschen dürfen, wäre es ein Buch gewesen, das zeigt, wofür der Titel meines Blogs steht – dass Liebe und Spanking kein Widerspruch sind.

Denn wäre ich als Leser mit der Thematik weniger vertraut – der erste Grey-Band hätte mich mit dem diffusen Gefühl zurückgelassen, BDSM und Spanking seien Schattenseiten der Erotik, inspiriert von Traumata, möglicherweise geeignet als sexuelle Stimulation, aber inkompatibel mit zwischenmenschlicher Wärme und Liebe.

Und der Gedanke an Leser, bei denen dieser oberflächliche, stigmatisierende Impuls hängen geblieben ist, macht mich traurig.

(Diese Rezension habe ich auch auf LovelyBooks veröffentlicht.)

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Kristel Kane: Die freche Französin

Flache Unterhaltung mit anbiedernd erotischem Vokabular: viel Sex und ein bisschen Spanking.

✦✦✧✧✧ Eine Austauschschülerin verhält sich schamlos und wird gezüchtigt, was zu einer erregenden Erfahrung für alle Beteiligten wird. Soweit der Klappentext zu »Die freche Französin« von Kristel Kane. Inhaltlich ist hinter dem Buchdeckel mit dem befremdlich fotomontierten Mädchen tatsächlich einiges los; hier eine Übersicht der Kapitel: (Wer Angst vor Spoilern hat, liest bitte nach der Aufzählung weiter – allerdings dürfte sie bei dieser Art von Erzählung relativ unbegründet sein …)

  1. Gastmutter Claudia Goldau beschwert sich über ihr aufsässiges französisches Au-pair-Mädchen Aurora und erhält von deren Mutter eine Züchtigungserlaubnis. Anschließend verliert sie sich spontan in eine Bestrafungsfantasie und gibt sich einer Selbstbefriedigung hin.
  2. Aurora (18, verdorben) und ihre Freundin Vanessa (15, bislang unschuldig) sitzen mit gestohlenem Alkohol im Park und lernen vier Typen kennen. Aurora hat mit drei von ihnen spontan hemmungslosen Gruppensex am See, während sich Vanessa mit Kevin, dem vierten Mann, vom Ort des Geschehens entfernt.
  3. Vanessa ruft die Polizei.
  4. Die Polizei trifft ein, während Aurora gerade onaniert; einer der Polizisten ist just Auroras Gastvater Oliver Goldau.
  5. Kevin gaukelt Vanessa seine Liebe vor und entjungfert sie auf einer Waldlichtung. Anschließend sagt er: »Ich habe bekommen, was ich wollte, und jetzt ist nichts mehr für mich drin. Ich habe kein weiteres Interesse mehr an dir.« Vanessa bleibt allein zurück.
  6. Aurora wird im Hause Goldau einem Strafkomitee vorgeführt.
  7. Aurora bekommt mit Hand, Gürtel und Rohrstock den nackten Hintern versohlt.
  8. Claudia Goldau ist angesichts der Züchtigung außer sich vor Erregung und hat sofort Sex mit Oliver; dabei lässt sie sich ein paar Schläge mit dem Rohrstock verabreichen.
  9. Aurora hat den Sex ihrer Gasteltern heimlich gefilmt, anschließend schläft sie mit Vanessa.
  10. Vanessa gesteht Aurora, dass sie es war, die ihre Freundin an die Polizei verraten hat – aus Liebe und Eifersucht. Daraufhin versohlt ihr Aurora spielerisch den Hintern mit Hand und Haarbürste, was beide Mädchen genießen. Vanessa (jetzt nicht mehr unschuldig) entpuppt sich schließlich als »eine Virtuosin auf dem Gebiet des Oralsex«.
  11. Oliver guckt durchs Schlüsselloch.
  12. Claudia guckt ebenso durchs Schlüsselloch. Anschließend sind beide so erregt, »dass sie ihre Lust in einem Quicky befriedigen [müssen]«.
  13. Es stellt sich heraus, dass Aurora doch »nicht so wild [ist], wie sie vorgegeben hatte. Im Gegenteil, sie [ist] ein sanfter Mensch und sie [hat] eingesehen, dass sie nichts verpass[t], wenn sie sich so [gibt], wie sie [ist].« Die freche Französin ist also geläutert, übergibt die DVD mit dem heimlich gefilmten Video an ihre Gasteltern und beide sind am Ende »gleichsam gerührt«.

Die Übersicht zeigt: Sex ist das primäre Thema in diesem Buch – in rekordverdächtigen sieben der 13 Kapitel hat jemand Sex, meiner Zählung nach kommen die Protagonisten dabei auf stolze 14 Orgasmen. Mein Respekt für die Kreativität, einen Plot zu entwerfen, der so viel Sex auf so wenigen Seiten unterbringt, ohne zur Kurzgeschichtensammlung zu zerfallen.

Spanking-Szenen sind nicht nur dünner gesät, ihnen fehlt es vor allem an emotionaler Tiefe, auch wenn sie im Großen und Ganzen ganz nett erzählt werden. Trotzdem hätte ich gerne gewusst, warum etwa Vanessa Gefallen daran findet, von ihrer Freundin Schläge auf den Po zu bekommen.

Doch auch die Psychologie der Sexszenen erscheint mitunter sehr flach und einseitig – am deutlichsten wird das, als Kevin mit Vanessa schläft und sie anschließend wie ein benutztes Objekt wegwirft. Inwiefern diese Facette der Handlung eine Bereicherung für die Geschichte sein soll, blieb mir unklar. Ich persönlich finde diesen Abschnitt schlicht traurig. Und überhaupt: Warum eigentlich ist Vanessa erst 15? Ein 15-jähriges Mädchen (wenn auch erfunden) würde in einem Buch dieser Art seitens des Autors bzw. der Autorin allein aufgrund des Alters meiner Meinung nach deutlich mehr Schutz verdienen. Oder am besten gar nicht mitspielen.

Doch hätte die Autorin Vanessa volljährig sein lassen, frauenfeindliche Charaktere wie Kevin ausgespart und sich stattdessen auf die Vertiefung in die Hintergründe der Spanking-Szenen konzentriert, wäre es dann ein gutes Buch geworden?

Ich fürchte leider: eher nein. Und verantwortlich dafür ist der Sprachstil, der mich leider zu oft innerlich aufschreien ließ. Denn das vermeintlich erotische Breitbandvokabular, das hier zum Einsatz kommt, ist zwar angenehmerweise kaum schmutzig oder derb, würde aber trotzdem so ziemlich jeder Geschichte rasch den Garaus machen. So kommen die Protagonisten ständig in einem »scharfen Akt« »auf Touren«, räkeln sich »wollüstig«, lecken sich die »feuchte Mitte« und haben schließlich einen »Megaorgasmus«.

Nicht einmal vor dem Niveau folgender Sätze machten Autorin und Lektorat Halt:

»[Er war] scharf wie eine Rasierklinge.« (5. Kapitel)

»Das geile Luder verstand, ihn geschickt anzumachen.« (8. Kapitel)

»Auroras Zunge leckte über ihre Perle und schmeckte die Geilheit der Gespielin.« (9. Kapitel)

Viel ist der billigen Wucht dieser Zitate nicht hinzuzufügen. Zwischen Schulaufsatzdeutsch und Sexszene entwickelt sich ein sprachlicher Kontrast, der mich schaudern ließ.

Insgesamt also ein eher flaches, stark komprimiertes und konstruiertes Sexbüchlein, in dem die Zärtlichkeit zu kurz kommt und das für den Neugierigen in Sachen Spanking relativ wenig zu bieten hat. Dafür erzählte mir Kristel Kane oft mehr, als ich persönlich eigentlich wissen wollte. Denn wie heißt es tatsächlich wortwörtlich im zweiten Kapitel: »Szenen wie diese passierten nur in Pornofilmen«. Leider ist da vermutlich was dran.